Arbeitslosenalphabetismus - Eine Allegorie von Julia Hoenen

Die Überlegungen nach dem "Wie" werden ganz schnell zu der Frage nach dem "Was". - 
Was will ich, was kann ich ausdrücken, habe ich denn eine Chance? Meine Gedanken sind 
wie meine Schrift, mal gleichgültig, gleichmäßig, zügig, positiv. Ohne Wirrwar, gut lesbar... 
Dann wieder krakeliger kippen sie um, hin zur anderen, zur Negativ-Seite.

Ich buchstabiere: E x. Weiter, weiter! E x i s t e n z. M i n i m u m.

Traurigkeiten, "Was" mache ich nicht, "Was" macht mich. Mal so, mal so.

Meine Tage sind meine Buchstaben, mal schwungvoll, aufgepuschter kräftiger Strich, kleine 
Unterbrechung hoffnungsvollen Aufschwungs. Abstriche sind Selbstverständliches. 
Ich buchstabiere: V e r z i c h t. Ja. Nein.

Manchmal sind die Buchstaben Tänzerinnen. Kraftvolle Akrobatik der unmöglichen Möglich-
keiten, überschlagen sich nach vorn. Ergeben aneinandergereit eine Ereigniskette, sie kriechen 
und hüpfen aus ihrer Einzelbedeutungslosig-keit heraus. Sie schließen sich zusammen in einem 
"Tu-Satz". Handeln, Lieben, Mutig sein, Wüten, Freuen, Gemeinschaft.
Da und dort schleichen sich Umkipp-Krakel ein, dann buchstabiere ich "Steine im Bauch"
und "Luft im Kopf". - L e e r e. - Nein, nein, ich will jetzt nicht dieses A n g s t buchstabieren, 
es nimmt sowieso wie von selbst Gestalt an.

Fest im Griff will ich meinen Schreibstift haben, der Worte formt. Stark...stabil...bemüht...sein...
Kann denn Liebe hier etwas erreichen? 
Wie unser deutscher Schreibfürst meint: "In einem Augenblick erreicht die Liebe, was Mühe 
kaum in langer Zeit schafft..." - Ich schreibe wie ich bin und bin wie ich schreibe.

Die Buchstaben, deutlich, gleichmäßig langweilig. Na, na! 'S' wie stillhalten, wirst Du wohl nicht 
aus der Reihe tanzen! Ganz öffentlich gemeint und nur klammheimlich geweint, ergibt sich die 
Tagelosung von A bis Z. Nimm Dich zusammen! Äußerste Ruhe. Fallen...
Dich zusammennehmenundnichtauseinanderfallen. Stau. Der Griffel bremst, die Seele quietscht.
Gedankenauffahrunfall und Handlungslähmung.

Fortschreitendes Vorschreiben. Angaben machen. Wie darf ich leben? 16 Seiten gehartznischtes 
Vorschreiben. "Man nehme den Stift nur fest in die Hand." Jeder hat Anspruch auf diese Stütze,
hier bei uns ist nicht jeder seines Glückes Schmied, die Schmiedehammer der Glücksschmiede 
schmieden ihr Eisen solange es heiss ist und sie haben ihre Eisen sowieso im Feuer... 

Keine Trägheit im Aufschwung bitte! Keine nebensächlichen Schnörkelausfälle, immer auf der
Linie bleiben! Eigendynamik ist eine Krähe, die nur Vogelscheuchen und keine Saat mehr findet.
Na siehst Du, es geht doch, auch wenn die Schrift blasser wird, nichts mehr aus der Mine fließen
will. Ich will nicht mehr dieses "Ohne Macht - gute Mine zum bösen Spiel" machen. Aber Du hast
Schuld, wenn Du nichts mehr zum Schreiben hast oder zum Beißen und alles l e e r wird.
Wer Buchstaben sucht, der findet auch welche! - Wir wollen nicht über Moral diskutieren!

Die Schönschreibfingerlähmung löst sich und nach dem Motto "Fordern und Fordern" Pardon,
Fördern. Ich kann ich es wieder: Mich zusammennehmen und nicht auseinanderfallen, ich werde
mich zusammennehmenichwerdemichzusammennehmenundmichzufriedengeben.

Harthartzliche Notdurftgrüsse. - Werde ich sein, was ich schreibe?

Sein bestimmt das Bewusstsein. Bewusstsein das Sein. Ich wehre mich. Ich will keinen sturen 
Alphabetismus. Will buchstabieren mit flatternden Worten, keinen Gedanken verschwenden an 
die Neue Rechtschreibung, ich will Bewegung bringen in eine erwerbserlebnislose Gedanken-
monotonie. Produktiver Alphabetismus.

Meine Gedanken sind wie mein Schreiben. Mal so, mal so. Zügig, krakelig, schwungvoll, 
traurig,fordernd, gleichgültig. Sie laufen oft müde nebeneinander her, schlurfen träge 
und stolpern über sich selbst.

Dann, plötzlich, macht das Stolpern Sinn. Durcheinanderrütteln und Wachschütteln. 
Der vergiftete Apfel wird ausgespuckt. Ich mache die Augen auf. Ich stehe auf. 
Sehe Zusammenhänge, die Sätze ergeben.

Für heute heißt die Tageslosung: 
"Du lass Dich nicht verbrauchen, gebrauche Deine Zeit, Du kannst nicht untertauchen... 
Wir brauchen uns und auch die Heiterkeit!" 

Ach ja, diese Worte. 
Sie kommen aus mir selbst und gehen mich an. Ich höre sie in einem Lied von gestern. 
Egal, woher die Mut-Brocken antanzen. - Ich brauche diese Aufrüttelschütteltöne, sie 
spornen mich an. Ich habe etwas zu sagen!

Überlegungen nach dem "Was" werden schnell zum "Wie" und schließen sich zusammen 
in einem "Du-Satz":
"Du lass Dich nicht verbittern in einer bittren Zeit, die Herrschenden erzittern, doch nicht 
vor Deinem Leid..." - Kennt Dich noch jemand, Wolf Biermann?

Lösungen, gibt es Lösungen, die nicht wehtun? 
Überlegungen nach dem "Was" werden zum "Wir" und schließen sich zusammen in einem 
"Tu"-Satz.

Hannover, im September 2oo4