Intro
Verunsicherung, Desorientierung, Angst sind normale und zunehmende Gemütszustände in Zeiten des Wandels von industriell Waren produzierender zur Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft. Welche Bilder, welche Gefühle produziert eine Gesellschaft, in der "Arbeit" sich real immer mehr verflüchtigt, dafür aber einen immer höheren Bedeutungsgehalt zugeschrieben bekommt? Und: welche Bilder und welche Gefühle werden beschädigt und was hat das für Konsequenzen für uns? …

Flut. Bilder. Wüste. Erinnerung.

Bildergalerie: Perspektivenvergleich 2004 / 2005, ehemaliges Hanomag Gelände, Hannover-Linden

Hanomag 1 - 2004
Hanomag 1 - 2004
Hanomag 1 - 2005
Hanomag 1 - 2005
Hanomag 2 - 2004
Hanomag 2 - 2004
Hanomag 2 - 2005
Hanomag 2 - 2005
Hanomag  3 - 2004
Hanomag 3 - 2004 
Hanomag  3 - 2005
Hanomag 3 - 2005

DAS NÄCHSTE BESTE 

    offen die Fenster des Himmels
Und freigelassen der Nachtgeist,
der himmelstürmende, der hat unser Land
beschwätzet, mit Sprachen viel, unbändigen, und
Den Schutt gewälzet
Bis diese Stunde.
Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)


Am 06. Juni 1835 wurde die Firma "Eisen Giesserey und Maschinenfabrik Georg Egestorff" in Linden bei Hannover gegründet. 
1871 wird die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Name: Hanomag (Hannoversche Maschinenbau AG). Sie ist lange Jahre der bedeutendste Lokomotivenhersteller Deutschlands, produziert Traktoren, Automobile (das legendäre "Kommissbrot"), im zweiten Weltkrieg auch Waffen, Geräte, Munition. 1989 steigt der japanische Baumaschinenhersteller Komatsu bei dem Krisen geschüttelten Unternehmen ein. Seit 1995 vertreibt die Firma unter dem Namen "Komatsu" ausschließlich Baumaschinen mit einer Belegschaft von ca. 700 Menschen. In Spitzenzeiten waren es über 12.000.
    Das ehemalige Gesamt- Betriebsgelände entspricht grob einem gleichseitigen Dreieck mit einer Schenkellänge von mehr als 1.000 Metern. In Hanomag Hallen fanden in den Neunzigern Techno Raves mit jeweils Tausenden Besuchern statt, die Szene munkelte von Ecstasy Küchen in den unüberschaubaren unterirdischen Gängen des Geländes, in denen teilweise die Kriegsproduktion lief. 
    Heute befinden sich - abgesehen von Restbereichen der Baumaschinen Produktion und einer Lohnhärterei - Baumärkte dort, das niedersächsische Landesamt für Ökologie, ein Polizeiamt für Technik und Beschaffung, die "Probenbühne Schauspiel" des niedersächsischen Staatstheaters …

….Und öde leeren Flächen, die im März 2005 teilweise mit Kubikmetern Baumüll bedeckt sind. 
Baumaschinen von Komatsu zertrümmern unter ohrenbetäubendem Krach die nieder-gebrochenen Reste alter Produktions- und Lagerhallen.
Von diesen damals noch existierenden Hallen habe ich im Frühjahr 2004 für die HALZ Nr. 6 (s. hier im Archiv) Fotos gemacht: Ruinen mit bizarren Schrott und Schutt-Skulpturen, die in einer selbst geschaffenen, ständig sich ändernden Installation den Niedergang des produzierenden Gewerbes in unserer Region abbildeten

Im Frühjahr 2005 ist hier nichts mehr. 
Ich bin hergekommen, um eine Nachfolgeserie aufzunehmen, "verfall in progress" (oder so ähnlich) und erst einmal nur ärgerlich, dass interessante Motive einfach verschwunden sind.
Ich mache natürlich von den blöden öden Flächen trotzdem Fotos, und versuche mich zu orientieren, wo ich das letzte Mal jeweils gestanden habe beim fotografieren. Das gelingt mir nicht, selbst als ich mir eine HALZ hole und anhand der alten Bilder nach Orientierungs-Punkten suche. Ich bin auf mein Gedächtnis angewiesen: hier oder da muss es ungefähr gewesen sein.
    Erinnerungen, andere Bilder tauchen auf: wie ich letztes Jahr über zerborstenen Stahlbeton, abgesägte Träger und halbverschüttete Laufgräben gekrabbelt bin und gedacht habe, wenn ich mir hier die Knochen breche, dann gute Nacht Marie. Aber auch beim Gang durch alte Toiletten und Pausenräume, in denen noch schmuddelige Männermagazine und zerbeulte Frühstücksdosen lagen: was haben die Kollegen wohl am letzten Tag hier gemacht? 
    Das Werk Hanomag hat über Generationen ein ganzes Stadtviertel mit geprägt. In unmittelbarer Nähe des Werksgeländes sind heute noch mehr spanische und portugiesische Lokale als in der gesamten Reststadt: Gastarbeiter; früher. 

Bekannte Bilder aus Städten: Industriebrachen weiten sich aus, werden umgewidmet zu neuer Bestimmung, verfallen, verschwinden. Alte, vertraute Bilder lösen sich auf, nicht nur die Ab-Bilder des Zentrums unserer Gesellschaft: Bilder von den Werk-Stätten, den Produktionsbetrieben. Zunehmend verschwinden auch die ihres Niedergangs, ihres Verfalls.
Wenn Arbeit kollektive soziale Identitäten in unserer Gesellschaft mit bildet und die Erinnerung an Arbeit und deren Aura kollektive kulturelle, was verschwindet dann an Erinnerungen und an Identitäten mit den auflösenden Bildern? Und was wird neu gebildet? 

Hanomag Pieta 2005
Hanomag Pieta 2005

Wer genau hinschaut bei dieser Dekorationsfigur vor der Probenbühne des Staatstheaters, sieht, wie aus dem Bauch des Gekreuzigten ein Arm "herauswächst". Schöner kann man die Frage nach neuen Identitäten kaum stellen.
    Vergleichen Sie einen Obi Baumarkt in Hannover mit einem in Berlin. Erkennen Sie den Unterschied? 
Vergleichen Sie die alten Hanomag Werke in Hannover mit beispielsweise den Borsig Werken in Berlin (es gibt noch Realreste und alte Bilder auf Papier, im Internet). Den Unterschied erkennen Sie.
Differenz und Beständigkeit sind Voraussetzungen zur Bildung von Subjekt-Autonomie. Was passiert, wenn Kontinuitäten und Differenzen einplaniert werden?
Es geht hier nicht um eskapistischen Erinnerungskitsch, der die Ausbeutungsverhältnisse in den Fabriken verzuckert. Und natürlich hat jede Generation - sieht man von der faschistischen Teilgeneration hierzulande ab - das Recht, sich in die Architektur- und Bildergeschichte ihrer Region ein zuschreiben, also altes zu entfernen und neues zu einzurichten. 
    Nur: unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen produziert sie die neuen Bilder?
Wer einmal mit Menschen spricht, die ein Arbeitsleben lang "auffe" Hanomag geschafft haben und sich dann mit Mini Jobber/innen unterhält, die heute in zwei Baumärkten Verträge haben, beide bittet, von Arbeit zu erzählen, wird den Unterschied merken. 
Mit den Bildern, die noch einer eigenen Geschichte mächtig sind, verschwindet die eigene Erinnerung. Mit der verschwundenen Erinnerung wird eine Identität beschädigt und immer weniger Menschen sind in der Lage, sich mit Herausbildung - auch kollektiver -anderer Identitäten der Angst zu erwehren, die dieser irrsinnige, taumelnde Wandel macht: Wo geht das alles hin? Was wird mit mir passieren? Was war mit mir passiert? 
    Nachtgeister strömen durch die offenen Fenster der Seele, saugen aus jeder Pore und Zelle noch verwertbares, überwältigen dafür das Gemüt mit Fluten nutzloser Bilder, Geschichten, Geschwätz. Einerseits: wer will das alles wissen, was heute passiert? Andererseits: wer es nicht weiß, kann untergehen. Diese Angst frisst die Seele auf. 
Wer authentische Bilder und Erinnerungen benötigt, gleicht dem Schiffbrüchigen auf dem Meer: umgeben von Unmengen Wasser und doch verdurstend.

Max Bahr in Pisa auffe Hanomag

Max Bahr in Pisa auffe Hanomag

"Das kommt davon, wenn man ohne uns baut." Einerseits hat Max Bahr nicht alle Tassen im Schrank, anderseits hat er Recht - wenn man es auf Bilder bezieht, die uns gehör(t)en. 
Vielleicht ist das ein Mittel gegen Angst nach Erinnerungsverlust: Bilder aufzuheben.
Klaus-Dieter Gleitze 
März 2005

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