Offener Brief

  • an den Bundeskanzler und die Bundesfamilienministerin
  • die Fraktionen des Deutschen Bundestages und Parteivorstände
  • Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA)
  • Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)

Arbeitszeit: Männer wollen nicht noch länger arbeiten!

Wir waren auf dem richtigen Weg. Wenn sich anders die Massenarbeitslosigkeit
nicht beseitigen lässt, dann muss die vorhandene Arbeit umverteilt werden:
Zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen, zwischen Alten und Jungen und eben
auch zwischen Männern und Frauen. Raus aus der alten Rollenverteilung
zwischen den Geschlechtern! Für uns Männer eröffnete sich die Perspektive,
uns aus der einseitigen Fixierung auf die Erwerbsarbeit zu lösen, um uns
mehr einlassen zu können auf unsere Kinder, unsere Partnerinnen und auf uns
selbst. Frauen wird ein gutes Stück vom Vereinbarkeitsdruck genommen, wenn
Männer ihre Verantwortung für die familiären Aufgabenbereiche ernst nehmen
und sich stärker an den Leiden und Freuden der Familienarbeit beteiligen
können.

Alle Untersuchungen zeigen, dass sich gerade die jüngeren von uns auf den
Weg gemacht haben. Sie haben sich von den Rollenvorbildern unserer Väter-
und Großvätergeneration gelöst und streben partnerschaftliche Lebensentwürfe
an, bei der Erwerbsarbeit und auch in der Familie.
Nun rollen die Züge wieder rückwärts. Viele Politiker und
Verbandsfunktionäre fordern "länger Arbeiten", weil sie meinen, so
Wirtschaftskrise und Defizite in unseren Sozialsystemen bekämpfen zu können.
Sie wollen das Arbeitszeitgesetz aufweichen, wollen Feiertage streichen, sie
diskutieren über Rente mit 67, beseitigen die als Beschäftigungsbrücke
zwischen Alt und Jung dienende Altersteilzeit und streben als Arbeitgeber
dauerhafte Mehrarbeit auf 40 und mehr Stunden in der Woche an.

Wir teilen die Kritik von Wissenschaftlern und Gewerkschaften, dass die
Politik der Arbeitszeitverlängerung schon jetzt eine der Ursachen für die
hohe Arbeitslosigkeit ist und ein Zwang zur Arbeitszeitverlängerung die
Probleme auf dem Arbeitsmarkt verschärfen wird. Weil dadurch die
Arbeitslosigkeit nicht gesenkt wird, können auch die Finanzierungsprobleme
der sozialen Sicherung nicht gelöst werden.

Gleichzeitig ist Arbeitszeitverlängerung ein gesellschaftspolitischer
Rückschritt: sie erschwert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - zu
Lasten der Unternehmen, von denen viele das Problem erkannt haben und sich
um Verbesserungen bemühen, zu Lasten von Frauen, deren Partner noch weniger
Zeit für ihre Familie haben. Kinderwünsche von Frauen und Männern werden
noch weniger zu realisieren sein. Ein weiterer Rückgang der Geburtenzahlen
ist programmiert und wird aller Diskussion über Demografie zum Trotz die
Krise unserer Sozialsysteme weiter verschärfen.

Gerade Männer, die die Morgenluft neuer Männerrollen geschnuppert haben,
wehren sich gegen die Politik der Arbeitszeitverlängerung, gegen ein Zurück
in alte Muster, einen Rückschritt in die 50er-Jahre. Wir sind uns sicher,
damit auch für unsere Partnerinnen, für viele Frauen und vor allem für
unsere Kinder und Enkelkinder zu sprechen, die gemerkt haben, wie es gehen
könnte und die - zurecht - mehr von uns haben wollen und können, als dass
wir Geld nach Hause bringen!

Unterzeichner (alphabetisch)

Dr. Martin Bach, Agrarwissenschaftler, Universität Gießen
Volker Baisch, Projektentwickler, Geschäftsführer Väterzentrum Hamburg e.V.
Henning von Bargen, Bildungsreferent, Heinrich Böll Stiftung Berlin
Prof. Dr. Johannes Beck, Erziehungswissenschaftler, Uni Bremen
Uwe Becker, Pfarrer, Evangelisches Sozialwerk Köln;
Michael Breidbach, Betriebsratsvorsitzender Stahlwerke Bremen;
Prof. Dr. Olaf-Axel Burow, Erziehungswissenschaftler, Uni Kassel
Prof. Dr. Heinrich Dauber, Erziehungswissenschaftler, Uni Kassel
Dr. Volker Döhl, ISF München;
Eike Hemmer, ehemaliger Betriebsrat Stahlwerke Bremen;
Reiner Geis, Geschäftsführer verdi Südbaden in Teilzeit
Thomas Gesterkamp, Journalist und Buchautor;
Martin Gross, Geschäftsführer verdi Neckar-Alb
Michael Grunewald, Jugendbildungsreferent;
Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ;
Otto Herz, Stiftung CIVIL-COURAGE
Prof. Dr. Walter Heinz, Psychologe;
Prof. Dr. Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler, Uni Bremen;
Dr. Eckart Hildebrandt, Wissenschaftszentrum Berlin;
Prof. Dr. Jürgen Hoffmann, Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg
Reiner Hoffmann, stv. Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes Brüssel
Andre Holtrup, Doktorand;
Berthold Huber, IG Metall Frankfurt
Oliver Jäger, IT-Consultant;
Berndt Korten, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt
Dr. Steffen Lehndorff, Institut Arbeit und Technik, Gelsenkirchen
Franz Lüninghake, Angesteller;
Dr. Helmut Martens, SFS Dortmund;
Peter Mehlis, zeitweise Hausmann;
Prof. Dr. Ulrich Mückenberger, Arbeitsrechtler und Zeitforscher; HWP Hamburg
Prof. Dr. Rainer Müller, Arbeitsmediziner; Uni Bremen
Dr. Karsten Reineke, Familiensoziologe, Uni Hannover;
Martin Rosowski, Männerarbeit der EKD, Kassel
Dr. Wolfgang Sachs, Kulturwissenschaftler, Wuppertal-Institut;
Prof. Dr. Dieter Sauer, ISF München
Dr. Werner Sauerborn, Mitherausgeber PAPS, Zeitschrift für Väter;
Dr. Wolfgang Schmidbauer, Therapeut und Schauspieler, München
Prof. Dr. Eberhard Schmidt, Politikwissenschaftler, Uni Oldenburg;
Werner Schmieder, Dresden, "Christen streiten für gerechte Verteilung von Erwerbsarbeit"
Dr. Fritz Schnapper, Kinder- und Jugendpsychiater;
Holger Schwaderer , Techniker, Steinbeis Transfer Zentrum
Thorsten Schulten, Sozialwissenschaftler, WSI Düsseldorf
Dr. Harald Seehausen, Sozialforscher und Innovationsberater, Frankfurt/M
ThomasSochart,Redaktion:www.vaeter-aktuell
Prof. Dr. Helmut Spitzley, Arbeitswissenschaftler, Uni Bremen;
Dr. Peter Strutynski, Politikwissenschaftler, Uni Kassel
Volker Stahmann, IG Metall Küste;
Dr. Herbert Stubenrauch; Pädagoge und Therapeut, Frankfurt
Prof. Dr. Hannes Stubbe, Psychologe, Uni Köln
Dr. Heiner Stück, Arbeitszeitforscher, Arbeitnehmerkammer Bremen
Peter Wahl, Koordination ATTAC;
Dr. Peter Walcher, Assistenzarzt in Teilzeit, Stuttgart
Dr. Günter Warsewa, Umweltsoziologe;
Maik Wiese, Organisationsentwickler, Koordinator www.vaeter.de
Prof. Dr. Rainer Zoll, Sozialforscher

... wird stetig erweitert

Unterschriften bitten senden an: Prof. Dr. Helmut Spitzley,
mailto:spitzley@iaw.uni-bremen.de